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In ihrem Blogbeitrag beschreibt Magda Iraqi Houssaini wie die Anerkennung der nativen Berbersprache das Bildungssystem Marokkos herausfordert und dessen Abhängigkeit von der Französischen Sprache aufdeckt.

Divide & Rule

Als ich letzten Sommer in Marokko war, ist mir aufgefallen, dass sich im Stadtbild von Fes etwas verändert hatte. Während einer Autobahnfahrt von Fes Richtung Tanger bemerkte ich, dass die Straßenschilder Ortsangaben auf Arabisch und Tamazight anzeigen. Bisher wurden Ortsangaben immer auf Französisch und Arabisch gekennzeichnet. Als ich in Tanger einfuhr, bemerkte ich, dass auch die Behördengebäude vermehrt lediglich auf Arabisch und Tamazight beschriftet waren. Die meisten älteren Cafés und Restaurants tragen noch Namen auf Französisch und Arabisch, doch es ist zu erkennen man, dass neuere Kennzeichnungen nicht auf Französisch zu lesen sind. Französisch verschwindet also nach und nach aus dem Stadtbild und Tamazight wird immer präsenter.

Tamazight ist  ein Dialekt aus dem Zentralatlas und ist die am weitesten verbreitete Berbersprache, die neben Taschelhit und Tarifit in Marokko gesprochen wird (Tomaštík, 2021). Als Amazigh oder Imazighen werden die Berbervölker Nordafrikas bezeichnet, die von den kanarischen Inseln im Westen, über die Maghreb Staaten und weite Teile der Sahel Region bis nach Libyen und Ägypten angesiedelt sind. In Marokko werden  etwa 12 Millionen Imazighen gezählt, und damit etwa 30% der Bevölkerung aus (Tomaštík, 2021). Obwohl es keine genauen Zahlen gibt, wird davon ausgegangen, dass 26%- 40% der marokkanischen Bevölkerung einen der drei Berberdialekte muttersprachlich beherrscht (Ennaji, 2005).

Im Laufe der Proteste des arabischen Frühlings wurden im Jahr 2011 umfassende Verfassungsänderungen durchgeführt und standardisiertes Tamazight wurde als offizielle Amtssprache neben Hocharabisch anerkannt. Zunächst wurde die Anerkennung Tamazights als großer Erfolg wahrgenommen, denn die Berbervölker wurden bis zu diesem Zeitpunkt marginalisiert und diskriminiert. Unter französischem Protektorat wurden im Jahr 1930 das Berber Dahir (Berber Verordnung) eingeführt. Die Verordnung sah eine Änderung des Rechtssystems für die Berbervölker vor und verursachte eine strukturelle Teilung der Bevölkerung in „Berber“ und „Araber“1. Ziel der französischen Kolonisator:innen war es, durch den Berber Dahir das Land zu spalten, die Berbervölker zu isolieren und eine Übernahme der Territorien und Ländereien der Berber zu ermöglichen (Wyrtzen, 2011). Die arabische Bevölkerung des Landes unterstützte diese Spaltung teilweise, da sie die arabisch-islamisch geprägte Kultur des Landes in den Vordergrund stellte.

Auch mit der Unabhängigkeit Marokkos im Jahr 1956 verbesserte sich der Status der Imazighen nicht. Im Rahmen der Arabisierung des Landes und einem ausgeprägten Nationalismus sollten die Spuren der französischen Kolonialzeit verwischt werden und eine Rückkehr zur arabischen Identität Marokkos hergestellt werden. Für die Imazighen war unter diesen Umständen keine Anerkennung möglich. Territoriale Isolierung, behördliche Diskriminierung und eine erschwerte Teilnahme am gesellschaftlichen und kulturellen Leben in Marokko aufgrund des Gebrauchs einer Sprache, die vom Rest der Bevölkerung nicht anerkannt oder verstanden wurde, gehörten der Imazighen. Erschwerend kam im Jahr 1996 dazu, dass es Imazighen Eltern verboten wurde, ihren neugeborenen Kindern amazighische Namen zu geben. 

Der Weg zur Anerkennung

Unter König Mohammed VI, der 1998 den Thron bestieg, durchlief Marokko eine Welle der Öffnung und Liberalisierung. Ziel war es, auf globaler Ebene besser aufgestellt zu sein und auf internationaler Ebene relevant zu werden (amb-maroc.fr, n.d.). Projekte wie der Bau des Tanger Med Hafens, welcher heute zu den drei größten Häfen Afrikas zählt, änderten Marokkos Gesicht in der Welt. Im Zuge des arabischen Frühlings und mit der Verabschiedung der neuen Verfassung im Jahre 2011 wurden den Marokkaner:innen neue demokratische Rechte zuteil und Minderheiten wurden besser geschützt. Teil dieses Schutzes beinhaltet die Anerkennung des Tamazight als offizielle Landessprache.

Nun galt es, die verfasste Anerkennung auch in die Realität umzusetzen. So lautet es in der neuen Verfassung von 2011: „ [Neben Arabisch] Ebenso ist Tamazight eine Amtssprache des Staates, ausnahmslos gemeinsames Erbe aller Marokkaner.“2 (Royaume du Maroc, 2011). Über diese Formulierung wurde viel debattiert, denn angesichts der  traditionellen und teilweise fortbestehenden Arabisierung des Landes galt es zum einen als äußerst fortschrittlich, zum anderen als äußerst provokant von Tamazight als“ ausnahmsloses Erbe aller Marokkaner“ zu sprechen (IRCAM, 2013). Zum einen sahen sich die arabischen Eliten des Landes in Gefahr, zum anderen kamen Fragen bezüglich der Rolle der Französischen Sprache auf. Denn die Anerkennung hatte zur Konsequenz, dass Änderungen im Bildungssystem vorgenommen werden mussten, um Raum für den Erwerb des Berberdialektes zu schaffen.

Von der Theorie in die Praxis?

Zunächst blieb es jedoch still um die Anpassung der Curricula. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Nach der Verabschiedung der neuen Verfassung im Jahr 2011 wurden vorgezogene Wahlen durchgeführt. Die zwei Parteien, die seither die Wahlen gewannen und die Mehrheit im Parlament gewannen und die Regierung stellten sind die parti de l’Istiqlal (wörtlich übersetzt: die Unabhängigkeitspartei) und die parti de justice et développement (wörtlich übersetzt die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) Die Istiqlal Partei ist rechts-konservativ, nationalistisch ausgerichtet und unterstützt die marokkanische Monarchie. Sie war entscheidend am Kampf für die marokkanische Unabhängigkeit im Jahr 1956 beteiligt und initiierte die Welle der Nationalisierung und Arabisierung, die auf die Unabhängigkeit folgte. Die parti de justice et développement befindet sich ebenfalls im rechts-konservativen Spektrum und verfolgt eine islamisch-monarchistische Ideologie. Ihr Ziel ist es, die islamische Identität Marokkos zu wahren und eine länderübergreifende arabische und muslimische Einheit zu schaffen (L’Istiqlal, n.d.). Beide Parteien verfolgen eine nationalistische Ideologie, die im Sinne der Arabisierung und der islamisch geprägten Monarchie steht. Über die letzten 10 Jahre wurden keine signifikanten Bestrebungen vorgenommen, die offizielle Anerkennung des Tamazight in die Praxis umzusetzen, da die Berberkultur und ihre Sprachen in dieser Ideologie wenig Raum haben (L’Istiqlal, n.d.).

Die Amazigh Völker haben nichtsdestotrotz ihre eigene Lobby. Bereits im Jahr 2001 wurde das Institut Royal de la Culture Amazighe (IRCAM) gegründet. Das IRCAM  ist ein offizielles akademisches Institut, das für die Förderung der Kultur und Sprachen der Imazighen verantwortlich ist. Des Weiteren trägt es die Verantwortung für die Standardisierung der Amazigh-Sprachen und ihre Integration in das marokkanische Schulsystem. Das IRCAM berät die marokkanische Regierung regelmäßig und spielt somit eine entscheidende Rolle im Anerkennungsprozess, jedoch sind seine Empfehlungen nicht bindend. Der lediglich beratende Charakter erschwert die Arbeit des IRCAM maßgeblich und ist der zweite Grund für den langsamen Fortschritt zur Integration des Tamazight in das Schulwesen.

Im Frühjahr 2021 verkündete das Bildungsministerium überraschenderweise eine Änderung des bisherigen Kurses. In Zusammenarbeit mit dem IRCAM wurde eine Aktualisierung der Schul-Curricula in Primär-, Sekundär-, und Oberstufe erarbeitet, die progressiv etabliert werden sollte (Yabiladi.com, n.d.-b). So trat das neue Curriculum für die Primär-Stufe bereits zum neuen Schuljahr 2021/22 in Kraft. Es ist davon auszugehen, dass der Wahlkampf um die Parlamentswahlen im Herbst 2021 eine Rolle im überraschenden Kurswechsel gespielt hat. Nach den Parlamentswahlen im Herbst 2021 änderte sich  auch der Kurs der Regierung. Die Partei Rassemblement National des Indépendants (RNI) (wörtlich übersetzt: nationale Zusammenkunft der Unabhängigen), eine ökonomisch liberale Partei der politischen Mitte, gewann überraschend die Mehrheit der Stimmen. Sie verkündete rasch die Einrichtung eines Hilfsfonds von 1 Milliarde Dirham (etwa 95 Mio. Euro), mit dessen Hilfe die Versäumnisse der vergangenen Jahre im Laufe des Jahres 2022 aufgeholt werden sollten. Dieses Budget soll primär in das Bildungssystem investiert werden, doch auch die Verwaltung und Kulturinstitutionen sollen davon profitieren (Yabiladi.com, n.d.-a). Das IRCAM und andere Vertreter:innen der Imazighen begrüßten diesen Schritt, jedoch kritisierten sie, dass diese Investitionen nicht ausreichen würden, um die etwa 8000 unbesetzten Lehrstellen im Bildungswesen zu besetzen (Yabiladi.com, n.d.-a).

Forscher:innen (Alalou, 2021; Ennaji, 2005)  stellten fest, dass Tamazight stärker gefördert wird, die Bemühungen jedoch nicht ausreichen würden, um die Konkurrenz durch die Privatschulen auszugleichen. Französische Privatschulen spielen eine wichtige Rolle im marokkanischen Schulsystem, denn sie eröffnen Möglichkeiten, in der westlichen Welt einen Studien- oder Arbeitsplatz zu finden.

Doch warum ist Französisch noch immer so beliebt? Hat sich Englisch nicht schon längst als globale Weltsprache etabliert? Steht die französische Sprache noch immer für das Vermächtnis der einstigen Kolonialmacht oder vielmehr für ein sprachliches Vermächtnis, das als Chance verstanden werden kann, die eigenen Chancen auf einem kompetitiven, globalisierten Arbeitsmarkt zu verbessern?

 

Französisch als Prestige-Sprache: Von der Schule an die Staatsmacht? 

„French is often viewed negatively as the ex-colonizer’s language, sometimes as a secondary language or as a foreign language on a par with English and Spanish. However, it is “undeniably the language of social promotion, as it provides access to job security and to high social status” (Wagner, 1993)

Französisch als Protektorat

Wie von Wagner festgestellt, spielt Französisch eine umstrittene Rolle in der marokkanischen Gesellschaft. Nachdem Marokko im Jahr 1912 zum französischen Protektorat wurde, wurde  Französisch zur alleinigen offiziellen Amtssprache erklärt. Sie wurde zur Verwaltungs- und Unterrichtssprache, jedoch waren die französischen Schulen lediglich Europäer:innen und wohlhabenden marokkanischen und jüdischen Schüler:innen vorbehalten (Boukous, 1995). So besuchten im Jahr 1935 lediglich 2% der schulfähigen Kinder eine französische Schule (Benzakour, 2007). Lediglich 269 marokkanische Schüler:innen erzielten in diesem Jahr einen baccalauréat Abschluss (französisches Abitur) (Benzakour, 2007). Dennoch spielte der französische Schulabschluss eine entscheidende Rolle in der marokkanischen Gesellschaft der Kolonialzeit. Wie die Verwaltung sollte auch das Schulsystem in Marokko inhaltlich und formal dem System in Frankreich ähneln. Daher wurde hauptsächlich die französische Sprache, Kultur und Geschichte gelehrt (Brignon, 1968). Wer eine solche Schule besuchte, sollte später einer Karriere im prestigeträchtigen französierten Verwaltungsapparat nachgehen und somit zu den marokkanischen Eliten gehören. Durch die Integration der französisch ausgebildeten Elite in das Verwaltungssystem fand die französische Sprache graduell auch in Kultur, Politik und im Stadtbild ihren Platz.

Marokkaner:innen, die nicht die Möglichkeit hatten eine französische Schule zu besuchen, gingen weiterhin auf Arabisch-sprachige, meist islamisch geprägte öffentliche Schulen, die in das französierte System integriert wurden. Schüler:innen, die eine arabisch-islamische Schulbildung erhielten, wurden nach Beendigung ihrer Schullaufbahn von den Kolonisator:innen oft in Berufen ohne hohes Qualifikationsniveau ausgebildet. Auch auf diesem Wege erlernten viele Französisch, jedoch lediglich mündlich. Diese Sprachkenntnisse eröffneten ihnen weniger Karrierechancen im Kolonialreich als den privilegierten Marokkaner:innen zur Verfügung standen. Bis heute ist umstritten, ob in Marokko ein (marokkanisch)arabisch-französischer Bilingualismus herrscht, oder ob Französisch lediglich als weitverbreitete Zweitsprache fungiert (Benzakour, 2007; Charnet, 1985; Ennaji, 2005)

Gleichwohl rückte Französisch zunehmend in die Mitte der Gesellschaft und wurde in Schulen, Geschäften, Cafés und Restaurants langsam zur Gewohnheit, ob auf höherem oder niedrigerem Sprachniveau. Der entscheidende Unterschied, der sich als Merkmal bis heute durch die Gesellschaftsstrukturen zieht, sind die unterschiedlichen Weltanschauungen, die viele Marokkaner:innen abhängig von ihrer Ausbildung trennen. Damals wie heute gilt: Wer eine französische Schule besucht, wird “modern“, nach westlichen Werten wie die der Aufklärung erzogen und kommt zumeist aus der urbanen Mittel- oder gehobenen Klasse. Wer eine arabische Schule besucht, kommt zumeist aus dem ländlichen Raum und befürwortet eine muslimisch-konservative Ideologie mit nationalistischen Tendenzen (Ennaji, 2005). Seit der Kolonialzeit fand daher eine latente Spaltung der Gesellschaft statt, die bis heute das sozio-politische Spanungsfeld Marokkos ausmacht. Sprache wurde damit zum Symbol und ein entscheidender Bestandteil der marokkanischen Identität: „ Symbole du prestige social mais ressenti comme une blessure identitaire“ (Benzakour, 2007, p. 50 „Symbol des sozialen Prestige aber empfunden wie eine identitäre Verletzung“).

Klar undefiniert

Auch nach der Unabhängigkeit Marokkos blieb die französische Sprache Symbol für Weltoffenheit, (wirtschaftlichen) Erfolg, und Handel. Die Welle der Arabisierung im Marokko der 1960er Jahre betraf vor Allem den öffentlichen Sektor. Schulen und Verwaltung wurden arabisiert und Hocharabisch wurde zur alleinigen Amtssprache erklärt. Große Teile des privaten Sektors machten weiterhin von Französisch Gebrauch. Darüber hinaus wurden jährlich neue Privatschulen gegründet, in denen der Unterricht auf Französisch stattfand. Im Jahr 2020 machten diese Privatschulen etwa 36% aller Schulen in Marokko aus (Royaume du Maroc, 2020). In Zeiten des Wiederauflebens der arabischen Sprache wurde der Status der Französischen Sprache dennoch lange nicht definiert – sie hatte sich längst nicht nur in der Verwaltung, sondern auch an Hochschulen, in der Wissenschaft, und der Literatur etabliert. Französisch galt nun nicht mehr als Amtssprache de jure, de facto wurde sie aber mindestens als 1. Fremdsprache, wenn nicht als zweite Muttersprache vieler Marokkaner:innen eingeordnet (Benzakour, 2007).

Als 1999 König Mohammed VI als Nachfolger seines Vaters den Thron bestieg, änderte sich die politische Linie des Nationalismus und der Arabisierung. Die nationale Charta der Schul- und Ausbildung aus demselben Jahr sah die Etablierung von Französisch als 1. Fremdsprache ab dem 2. Schuljahr vor. Damit wurde der Sprache zwar nicht explizit ein besonderer Status zuteil, dennoch spricht die Bevorzugung von Französisch über Englisch oder Spanisch für die Anerkennung der Sprache als sozio-kulturelles Gut Marokkos. Bis heute haben Marokkaner:innen mit Französisch-Kenntnissen signifikant bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als Arabisch- oder Tamazight-Monolinguist:innen (Ennaji, 2005). Auch König Mohammed VI macht durch seine Wirtschaftspolitik deutlich, dass Französisch ein Instrument ist, um Frankreich, Europa und dem Westen auf internationaler Ebene weiterhin nahe zu stehen. Frankreich spielt für Marokko eine große Rolle, da Frankreich nach Spanien Marokkos größter Handelspartner, sowohl im Import, als auch im Export, ist (Direction générale du Trésor, 2020).

Wie schon im Fall von Tamazight, hat sich auch in der Rolle der französischen Sprache im Bildungssystem seit dem Inkrafttreten der neuen Verfassung seit 2011 nicht viel getan. Internationale Berichte, u. A. von der Weltbank kritisieren, dass Marokkos Bildungssystem eine grundlegende Reform braucht. Die neueste Charta der Schul- und Ausbildung von 1999 ist nur eines der Indizien, die dafür sprechen (World Bank, 2020). Statt einer Verdrängung von Französisch durch Tamazight sollte vielmehr von einer Vernachlässigung des Bildungssystems im Allgemeinen die Rede sein (Benzakour, 2012). Eine der größten Herausforderungen hierbei ist es, die vielen unbesetzten Lehrer:innenstellen zu besetzen.

So besitzt Französisch einen mehrdeutigen Charakter, gespalten zwischen dem Status der ehemaligen Kolonialsprache, der Kollaboration mit französischen Kolonisator:innen zum Zwecke eines besseren gesellschaftlichen Status, und dem Status als Symbol für Weltoffenheit, dem Zugeständnis zu westlichen Werten und als Kommunikationsmittel in der Welt der Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft.

Tamazight und Französisch: Chance oder Verhängnis?

Tamazight und Französisch in Marokko haben viele Gemeinsamkeiten. Beide Sprachen stehen im Spannungsverhältnis zur arabisch-islamisch geprägten Strömung Marokkos, die das Land dominiert. So litt Tamazight zur Zeit des Protektorats unter dem Berber Dahir, das mit Unterstützung der arabischen Bevölkerung die Berber Kultur schwächte und diskriminierte, während Französisch vor Allem unter der Arabisierung des Landes nach der Unabhängigkeit litt. 

Beide Sprachen besitzen einen unklaren Stellenwert auf nationaler Ebene, da sie zwar von vielen gesprochen, jedoch nicht von allen anerkannt werden. So wurde Französisch weitestgehend aus dem öffentlichen Sektor verbannt, bleibt im privaten Sektor, in der Wirtschaft und der Wissenschaft jedoch die dominante Sprache. Tamazight wurde zwar im öffentlichen Sektor anerkannt, spielt jedoch auf politisch-ideologischer und institutioneller Ebene kaum eine Rolle.

Beide Sprachen sind dem internationalen Druck eines globalisierten Arbeitsmarktes ausgesetzt und leiden unter dem vernachlässigten Bildungssystem Marokkos. Unbesetzte Lehrer:innenstellen, veraltete Curricula und strukturelle Unterfinanzierung sorgten bis 2019 für viel Kritik auf internationaler Ebene. Jedoch liegt hier auch der Dreh- und Angelpunkt zu den signifikanten Unterschieden der zwei Sprachen.

Die Dominanz von Französisch im privaten Sektor beginnt bereits bei französischen Privatschulen. Sowohl Unterstützer:innen der Berber Kultur als auch Befürworter:innen der arabisch-islamischen Strömung schicken ihre Kinder auf französische Privatschulen aus Angst, dass diese ohne französisch-Kenntnisse auf dem Arbeitsmarkt abgehängt werden. Es besteht noch immer eine Abhängigkeit von der Französischen Sprache. Die Anerkennung von Tamazight ist zwar ein guter Schritt in Richtung Pluralismus. Möglicherweise soll er auch ein weiteres Zeichen zur Unabhängigkeit Marokkos von Frankreich setzen, doch die wirtschaftlichen Abhängigkeiten, sowohl der staatlichen Strukturen, als auch der Marokkaner:innen vom französischen Staat und dem frankophonen Arbeitsmarktes in Marokko ein Zeichen dafür, dass postkoloniale, globalisierte Strukturen den angestrebten Pluralismus signifikant erschweren.

 

Bibliografie

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Brignon, J. (1968). Histoire du Maroc. Librairie Nationale.

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Tomaštík, K. (2021). Language Policy in the Kingdom of Morocco: Arabic, Tamazight and French in Interaction. 16.

Wagner, D. A. (1993). Literacy, Culture, and Development: Becoming Literate in Morocco. New York: Cambridge University Press.

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Wyrtzen, J. (2011). Colonial State-Building and the Negotiation of Arab and Berber Identity in Protectorate Morocco. International Journal of Middle East Studies, 43(2), 227–249. https://doi.org/10.1017/S0020743811000043

Yabiladi.com. (n.d.-a). Législatives 2021: Des militants amazighs frappent aux portes du RNI et du PAM. Retrieved 11 January 2022, from https://www.yabiladi.com/articles/details/88310/legislatives-2021-militants-amazighs-frappent.html

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1 „Berber“ und „Araber“ werden in diesem Fall im generischen Maskulinum angegeben, da dies dem Narrativ der Kolonisator:innen entsprach.

2 „Marokkaner“ wird hier im generischen Maskulinum angegeben, da dies dem Wortlaut der marokkanischen Verfassung entspricht

 

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