Revolution aus subjektiver Perspektive – Revolution in the subjective mode

Das hundertjährige Jubiläum der Deutschen Revolution 1918-1919 teilt sich das Jahr 2018 mit einer langen Reihe anderer Gedenkfeiern. Zwischen dem 200. Jahrestag von Karl Marx, dem 170. Jahrestag der Revolutionen von 1848 und dem 50. Jahrestag von Mai 1968 scheint die Deutsche Revolution 1918-1919 in den Hintergrund zu rücken. Davon zeugt auch die Unklarheit ihrer Benennung : Sie wird bald als „paradox“, „verraten“, „steckengeblieben“, „vergessen“, bald aber auch als „demokratisch“ tituliert. Manchmal wird der Akzent auf den zeitlichen Aspekt gelegt („Novemberrevolution“, „Märzkämpfe“), manchmal wird auf den wirklichen oder aber mutmaßlichen Ursprung der Ereignisse verwiesen („Spartakusaufstand“).
Wie es in Jubiläumsjahren oft der Fall ist, gibt es zahlreiche Neuerscheinungen zum Thema, wobei die meisten Beiträge einen Überblick über die deutsche Revolution geben und auf Vollständigkeit angelegt sind.
Im Gegensatz zu dieser Tendenz möchte sich unsere Arbeitstagung mit Schilderungen des revolutionären Geschehens aus subjektiver Perspektive beschäftigen, seien es persönliche Erinnerungen oder literarische und künstlerische Werke. In der Tat hat die Revolution von 1918-1919 vielleicht noch mehr als jedes andere Ereignis jener Zeit zu verschiedenen, oft auch widersprüchlichen Interpretationen Anlass gegeben. Dies lässt sich durch die Konflikte innerhalb der linken Gruppierungen erklären, die damals die Revolution geprägt haben: von der MSPD zur USPD über die Spartakisten, die KPD und die Revolutionären Obleute ist es wohl unmöglich, eine umfassende Geschichte der Revolution zu schreiben. Sowohl Ablauf als auch Historiographie der Revolution sind kaum von diesen Strömungen zu trennen; letztere widerum wurden oft von Persönlichkeiten geprägt, die widersprüchliche Positionen vertraten. Die verschiedenen Erinnerungs- bzw. Mythisierungsprozesse haben dazu geführt, dass einige Diskrepanzen verstärkt, andere gemildert wurden – so wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg als Helden der Revolution meistens in einem Atemzug genannt, obwohl sie oft gegensätzliche Positionen bezogen.
Ausgehend von literarischen Texten, künstlerischen Werken, Presseartikeln, Ego-Dokumenten (Berichte, Selbstzeugnisse) soll das persönliche Erleben inmitten der geschichtlichen Ereignisse (s. Tagebuch von Käthe Kollwitz) untersucht werden sowie die Art und Weise, wie dieses Erlebnis in ästhetischen Formen Ausdruck findet (Döblin natürlich, aber Beiträge zu weniger bekannten Texten sind willkommen). Die Rolle der jeweiligen Zeitlichkeiten im Kontext der deutschen Geschichte soll auch berücksichtigt werden. Während einige Memoiren unmittelbar nach der Revolution geschrieben wurden (E. Barth, G. Noske) wurden zahlreiche andere viel später und im ideologischen Kontext der DDR verfasst. So soll die Rolle des Instituts für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED bei der Überlieferung solcher Dokumente hinterfragt werden.
Darüber hinaus kann die Positionierung der verschiedenen heute existierenden sozialdemokratischen und linken Parteien zur Erinnerung an die Revolution analysiert werden: Kann man heute von einer offiziellen Position der SPD zur Revolution sprechen, oder handelt es sich vielmehr um ein Spektrum an subjektiven Lesarten der Revolution, die sich nicht vereinheitlichen lassen? Wie verhält sich diese Partei zu ihren damaligen Mitgliedern, die eine entscheidende Rolle in der Revolution gespielt haben (F. Ebert, G. Noske, P. Scheidemann) sowie zu deren Gegnern (R. Luxemburg) oder zu denen, die naturgemäß zu ihren Gegnern zählten, aber auf Grund von Bündnissen zu Partnern wurden (W. Groener, Chef der OHL ab November 1918).
Die Untersuchung der spezifischen Zeitlichkeiten der Revolution kann auch eine phänomenologische Form annehmen und sich beispielsweise für das Verhältnis zwischen Beschleunigung der Ereignisse und Ausdehnung der Zeit (das Warten der Massen im Januar 1919), zwischen Abwarten und Handeln interessieren.
Die Analyse verschiedener Erzählungen und (Re-)Konfigurationsformen des Erlebten soll einen Beitrag dazu leisten, eine Geschichte „von unten“ zu schreiben und das Kaleidoskop der einzelnen Erfahrungen sichtbar zu machen. Daraus soll ein Bild der Revolution entstehen, das notwendigerweise lückenhaft, widersprüchlich und vielfältig ist.

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Deadline für die Einreichung der Abstracts: 15. Juli 2018
Benachrichtigung über die Annahme der Beiträge: 1. August 2018
Arbeitssprachen: Deutsch / Französisch / Englisch

Wissenschaftliche Organisation: Valérie Carré / Jean-François Laplénie / Agathe Mareuge (EA REIGENN, Sorbonne Université (Paris) – Faculté des Lettres)

Kontakt
Valérie Carré
108, boulevard Malesherbes
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jerevolution1918@gmail.com