Französische Hochschul- und Forschungspolitik 2002-2012

Französische Hochschul- und Forschungspolitik 2002-2012: Zwischen globalem Anspruch und nationaler Umsetzung

Kathleen Schlütter (Dissertationsprojekt; Betreuer: Prof. Dr. Matthias Middell)

Die Dissertation hat zum Ziel, die Reaktionen des französischen Hochschul- und Forschungssystems auf den von den Akteuren als global wahrgenommenen Hochschul- und Forschungsmarkt zu untersuchen. Frankreich hat aufgrund der vielgliedrigen Struktur seines Hochschul- und Forschungssystems Schwierigkeiten, in diesem Markt als erfolgreicher Standort wahrgenommen zu werden: Universitäten für die Massenausbildung, Grandes Écoles für die Elitenausbildung und Organismen wie das CNRS oder das INSERM für die Forschung. Die verschiedenen Akteure kooperieren in vielen Hinsichten und eine Forschungsgruppe gehört in der Regel mehreren Einrichtungen an. Dies ist für die Studierenden, Lehrenden und Forschenden von Vorteil, erschwert aber zusätzlich die Lesbarkeit des Systems.
Die Arbeit analysiert die Entwicklungen der Jahre 2002 bis 2012. 2006 und 2007 wurden umfangreiche Reformen des Hochschul- und Forschungssystems durchgeführt. Diese geschah zu großen Teilen in Reaktion auf massive Proteste von (hauptsächlich naturwissenschaftlichen) Forschern des öffentlichen Dienstes 2003/2004 einerseits sowie andererseits auf den wahrgenommenen internationalen Wettbewerb, dessen prominentestes Symbol zumindest in Frankreich das so genannte „Shanghai-Ranking“ geworden ist. So genannte Pôles de recherche et d’enseignement supérieur (PRES) wurden landesweit geschaffen um als Dachorganisationen verschiedene Einrichtungen unter einem Label zu vereinen und damit die internationale Sichtbarkeit zu erhöhen. Die Universitäten sollten „autonom“ werden, um sich besser im Wettbewerb positionieren zu können. Mithilfe landesweiter Ausschreibungen sollten ähnlich der deutschen Exzellenzinitiative die leistungsstärksten Hochschulen, Forschergruppen und Forschungsstrukturen identifiziert werden. Weiterhin wurde die Projektmittelagentur Agence nationale de la recherche (ANR) gegründet, die in Frankreich als etwas Neues wahrgenommen wurde, sowie eine zentrale Evaluierungsinstanz geschaffen.

Aus diesen Entwicklungen resultieren die Fragen, mit denen sich die Arbeit beschäftigt: Wie gestaltet sich ein Reformprozess, in dem es um Wettbewerbsfähigkeit und Innovation geht, wenn er von einem Zentralstaat durchgeführt wird, in dem die Regierung eine allumfassende Strategie definiert, die dann Ebene für Ebene nach „unten“ durchdekliniert werden soll. Welche Debatten wurden über diese Reformen geführt und von wem? Welche Rolle spielte dabei die wahrgenommene Globalisierung von Bildung und Forschung einerseits sowie die praktische Umsetzung der europäischen Harmonisierungsziele auf nationaler Ebene andererseits? Wie verändert sich das Verhältnis der Hochschulen zu ihren tutelles (den weisungsbefugten Dienstbehörden), wenn sie gesetzlich mehr Steuerungsfreiheit erhalten? Hier ist insbesondere relevant, dass Exzellenzförderung eine „Leuchturmbildung“ fördert, es gleichzeitig aber keine Differenzierung zwischen einzelnen Einrichtungen geben sollte, da dadurch der Wert des nationalen Diploms in Gefahr gesehen wurde. Dieses ist in Frankreich offiziell überall gleichwertig, egal von welcher französischen Hochschule es vergeben wird. In einer ähnlichen Perspektive ist auch der für die französische Gesellschaft hohe Wert des freien Hochschulzugangs zu betrachten.

Das Projekt fügt sich in den größeren Kontext der Forschung über die Globalisierung des Bildungs- und Forschungsmarktes und das angenommene Entstehen von Wissensgesellschaften/knowledge economies ein.

Kathleen Schlütter arbeitet seit Juni 2012 als Referentin für „Doktorandenausbildung und Forschungsförderung“ sowie stellvertretende Referatsleiterin bei der Deutsch-Französischen Hochschule in Saarbrücken und ist Mitglied der Graduate School Global and Area Studies der Universität Leipzig.